Radhas Geschichte

Wir werde oft gefragt, weshalb wir uns für die Leprakranken in Indien einsetzen und weshalb wir so viel Zeit, Arbeit und Energie in diese Aufgabe stecken. Es gibt sicherlich für jeden einen anderen Grund, einen anderen Auslöser, für mich war es die folgende Geschichte...

“Mein Name ist Radha. Ich kam in dem Dorf Chittor im Andhra-Pradesch Bezirk zur Welt. In unserem Dorf leben mehr als 700 Familien. Mein Vater besitzt ein Stück Land und konnte uns schlecht und recht ernähren. Es ist in unserem Staat Sitte, dass Mädchen sehr früh verheiratet werden. Wenn eine Familie unverheiratete Töchter in ihrem Haus hat, die über 14 Jahre alt sind, wird dies als Schande betrachtet.

Als ich 13 wurde, fanden meine Eltern für mich einen guten Ehemann. Mit allem Glanz feierten wir Hochzeit. Es wurde ein Band geknüpft, das bis zum Tode reichen sollte. Mein Mann war 10 Jahre älter als ich. Er war bei der Eisenbahn beschäftigt. Die schöne Zeit zu Beginn unserer Ehe ist mir noch heute in Erinnerung. Als ich ein Kind erwartete, waren wir sehr glücklich. Der Tag der Geburt wurde mit einem großen Fest gefeiert, denn das Kind war ein Junge und das Abbild meines Mannes. Dieser Tag war die letzte Freude in meinem Leben. 

In der Nacht als ich das Kind gebar, bekam ich hefti­ges Fieber und Schmerzen am ganzen Körper. Am Mor­gen, als ich aufwachte, traute ich meinen Augen nicht. Mein ganzer Körper war gerötet und mit großen Flek­ken bedeckt. Es war kein Arzt notwendig, um zu erfah­ren, was mit mir los war. Ich habe Menschen gesehen mit diesen Flecken, ohne Finger, mit verkrüppelten Füßen.

Meine Schwiegermutter war die erste, die mich in dieser Verfassung sah, dann mein Mann und mein Schwiegervater. Ihre Gesichter zeigten Furcht und Ent­setzen. Sie schickten mich zu meinen Eltern zurück. Doch auch meine eigene Familie lehnte mich ab. Ich war von nun an die Aussätzige, mein Kind das Kind einer Leprösen. Erst hatte man Furcht vor uns; dann wurden wir verachtet und waren unerwünscht in der Gemeinschaft.

Eines Nachts verließ ich das Haus meiner Familie - ohne zu wissen, wohin ich gehen sollte. Ich lief in der Nacht viele Kilometer an den Bahnschienen entlang, bis ich eine Bahnstation erreichte. Dort wohnten in kleinen Hütten einige Bettler. Einer von ihnen, ein alter Mann, brachte mich in seine Hütte und gab mir zu essen. Einige Zeit lebte ich von dem, was mir die Bettler gaben. Dann wurde auch ich Bettlerin - für mich - für mein Kind.

Als die Krankheit schon weiter fortgeschritten war, brachte mich der alte Mann eines Tages in eine Lepraklinik. Die Ärztin sagte mir, dass die Krankheit schon lange in meinem Körper gesteckt habe. Durch die Schwangerschaft und die Geburt des Kindes, die meinen Körper geschwächt hatten, sei sie dann zum Ausbruch gekommen. Die Ärztin war freundlich. Sie gab mir Medizin, die der alte Bettler jede Woche für mich abholte. Nach zwei Jahren war ich geheilt.  

Aber die Lepra hatte meinen Körper grausam verunstaltet, ich hatte alle meine Finger verloren und meine Füße bedeckten tiefe Wundmale. Ich konnte keine Arbeit mehr ausüben. So blieb ich in den Hütten der Bettler. Jeden Tag, wenn der Zug in der Nähe unserer Hütten vorbeifuhr, sah ich meinen Mann. Aber er kannte weder mich noch unser Kind. ”

Veröffentlichung mit freudlicher Genehmigung des DAHW